Fiskalische Nachhaltigkeit
Herkömmliche Indikatoren staatlicher Aktivität wie etwa die Maastrichtkriterien können langfristige Wirkungen der Fiskal- und Sozialpolitik nicht erfassen. Insbesondere die sich abzeichnende demografische Entwicklung wird Konsequenzen für die staatlichen Finanzen haben. Die Ausgaben der (umlagefinanzierten) Sozialversicherungssysteme korrelieren stark mit dem Alter einer Gesellschaft, da Lebensrisiken wie Krankheit, Alter und Arbeitslosigkeit mit steigendem Alter tendenziell zunehmen. Um solchen Effekten Rechnung tragen und sie statistisch erfassen zu können, wurde Anfang der 1990er Jahre in den USA die Methode der Generationenbilanzierung entwickelt.
Bei dieser Methode werden alle staatlichen Ausgaben und Einnahmen mit Hilfe von altersspezifischen Profilen auf die einzelnen Jahrgängen der Bevölkerung aufgeteilt. Somit ergeben sich für einen repräsentativen Bürger jedes Altersjahrgangs durchschnittliche Zahlungsströme für Steuern, Abgaben und Transfers. Unter der Annahme, dass sich diese individuellen Zahlungsströme in ihrer Struktur nicht ändern, können zukünftige, gesamtstaatliche Ausgaben und Einnahmen unter Zuhilfenahme von Bevölkerungsprojektionen modelliert werden. Aus diesen Berechnungen werden dann entsprechende Indikatoren abgeleitet, um die Fiskal- und Sozialpolitik auf Nachhaltigkeit und intergenerative Verteilungswirkungen zu analysieren.
Obenstehende Abbildung zeigt die aktuelle Generationenbilanz des deutschen Staates für das Basisjahr 2004. Ein positives Generationenkonto entspricht dabei einer Nettosteuerzahlung: Über den verbleibenden Lebenszyklus betrachtet übersteigen die Steuer- und Beitragszahlungen eines durchschnittlichen Kohortenmitglieds die vom Staat empfangenen Transferleistungen. Die einzelnen Generationenkonten sind untereinander allerdings nicht vergleichbar, da die Generationenbilanz strikt zukunftsorientiert ist. Alle Zahlungen, die etwa ein 65-jähriger Rentner im Laufe seines Erwerbslebens an den Staat und die Sozialsysteme geleistet hat, werden hier nicht mehr berücksichtigt. Sein Generationenkonto ist entsprechend negativ. Er kostet den Staat in seinen verbleibenden Lebensjahren also mehr, als er noch an ihn zahlt. Dabei ist es wichtig zu betonen, dass sich aus diesem Faktum kein Generationenkrieg heraufbeschwören lässt. Denn die Generationenbilanz beantwortet eine ganz andere Frage: Sie zeigt die altersspezifische Finanzierungsstruktur des Staates. In der aktuellen Bilanz Deutschlands zeigt sich, dass nur die 10-41-jährigen Nettozahler sind, alle anderen Altersgruppen aber über ihren verbleibenden Lebenszyklus hinweg mehr Leistungen aus staatlichen Systemen empfangen als sie selbst noch bezahlen. Die deutsche Fiskalpolitik ist damit auf Dauer schlicht nicht finanzierbar. Das gilt im Übrigen auch dann, wenn wir kurzfristig eine deutliche Erhöhung der Geburtenzahl erreichen könnten. Denn wie der Blick auf das Generationenkonto eines Neugeborenen zeigt, beanspruchen auch unsere Kinder mehr Leistungen als sie im Verlaufe ihres Lebens zurückgeben. Der einzige Ausweg ist damit eine Veränderung in der Finanzierungsstruktur insbesondere der umlagefinanzierten Sozialsysteme; sind also Maßnahmen, die wieder mehr Generationen zu Nettosteuerzahlern machen.
Entsprechende Nachhaltigkeitsanalysen gibt es weltweit bereits für beinahe 30 verschiedene Länder. So wurde beispielsweise unter Leitung von Prof. Dr. Raffelhüschen eine umfangreiche Studie für die Europäische Kommission und weitere Studien im Auftrag anderer europäischer Regierungen erstellt. Auch im Jahresgutachten des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung des Jahres 2003 finden sich die Ergebnisse der deutschen Generationenbilanz des FZG. Das FZG analysiert zudem regelmäßig aktuelle Reformoptionen der deutschen Fiskal- und Sozialpolitik mit Hilfe der Generationenbilanzierung auf ihre Nachhaltigkeit und fertigt internationale Vergleichsstudien an. Daneben wird an der Verfeinerung und Erweiterung der methodischen Grundlagen der Generationenbilanzierung gearbeitet.
Betreuende Mitarbeiter: Lucia Gaschick, Christian Hagist, Stefan Moog
Publikationen aus dem Forschungsbereich Fiskalische Nachhaltigkeit